Gschaegn is gschaegn


Mund-Art-Comics von Alexeij Sagerer
 
 

 
 
Premiere 27. November 1969, proT, Isabellastrasse 40, München
Von 1969 bis 1999 über 200 Aufführungen
 
 
Am 27. November 1969 um 20:30 Uhr eröffnet das proT sich selbst in München, Isabellastrasse 40 mit Comics I "Tödliche Liebe oder Eine zuviel" und Gschaegn is gschaegn, Mund-Art-Comics. Gschaegn is gschaegn arbeitet mit der dauernden Wiederholung von Biertrinken und Schnupfen. Diese Wiederholungen werden so lange weitergetrieben, bis der Vater seine Tochter ersticht. Gleichzeitig ist Gschaegn is gschaegn als klassisches Drama zu lesen.
 
 
(...) "Gschaegn is gschaegn". Bayerisches Bier bestimmt hier alles, ob und wie einer redet, was einer tut, ob er liebt und geliebt oder verschmäht wird, ob das Messer gezückt, und in den Bauch der Schönen gestoßen wird: Bier ist immer mit von der Partie. Die Trägheit der Akteure, ihre fast zeremoniellen Gesten und Worte – hieraus, im Verein mit dem Bier, entwickelt sich eine sonderbare, fast beängstigend starre Komik, die einen mehr staunen als lachen macht. (...)
JvM, Süddeutsche Zeitung, 01.12.1969
 

Chronologie


Gschaegn is gschaegn 1969 - 1999
 
Nach der Premiere vom 27. November 1969 im proT in der Isabellastrasse 40 wird Gschaegn is gschaegn noch über zweihundertmal gespielt. In München, bei den SAD Kunstwochen in Schwandorf, bei den Ebersberger Kulturtagen, im Hirschwirt Erding, im Scharfrichterhaus Passau, im Leeren Beutel Regensburg, bei der 19. Internationalen Theaterwoche Erlangen, beim Hofer Herbst, bei den Tagen des Experimentellen Theaters T.E.X.T. der TU München, bei "Weltkunst aus Bayern" in Hamburg, beim 7. Internationalen Theaterfestival München, beim Edinburgh Fringe Festival ...
 

 
 
Unmittelbare Party - (...) Das proT feiert Geburtstag. Und wäre es ein x-beliebiges Theater, müsste man nun von der einleitenden Selbstbeweihräucherung sprechen und (zu Recht) bedauern, dass der "Mund.ArtComic" "Gschaeng is gschaeng" nach 30 Minuten schon beendet war. Kommt doch das Stück, mit dem Alexeji Sagerers Weg zum Lieblingsexzentriker der Münchner Theaterszene begann, auch noch nach 30 Jahren so gemütlich daher wie ein niederbayerischer Wirbelsturm.
In den Hauptrollen: Bier auf dem Weg zum Gast. Schnupftabak im Einzugsbereich der Nase. Kurz- und mittelfristige Folgen von Schnupftabak- und Bierkonsum. Bier im Freiflug, auf dem Boden und zwischen Mund und Schürze Schlieren bildend. Dazwischen kauern, schreiten, glotzen und motzen mit Sagerer Cornelie Müller, Agathe Taffertshofer, Max Hupfer und Franz Lenniger: tragische Figuren in einem Dorfschänken-Comic, der mit dem Mord an der ungehorsamen Tochter endet. Viele Worte und viel Mimik braucht's da nicht. Das Wenige aber wird grandios übersteigert und extrem verlangsamt: Wenn Sagerer wie ein wütender Karpfen Bierblasen blubbert oder den Hintern in Richtung Stuhl ausfährt, ist das Publikum aus dem Häuschen. (...)
Sabine Leucht, Süddeutsche Zeitung, 03.11.1999
 

Stücktext literarisch


Gschaegn is gschaegn, Mund-Art-Comics von Alexeij Sagerer
 
1976 wird Gschaegn is gschaegn in der hier zugänglichen Fassung als Text ausformuliert und in "DEUTSCHHEFT literaturzeitschrift" Nr.7, 5. Jahrgang, Nov./1976 veröffentlicht. 1982 nimmt der Text am Autorenwettbewerb des Grafenstein Verlags teil und wird von der Jury mit dem 1. Preis in der Kategorie "Kurzspiele" ausgezeichnet. 1984 druckt ihn der Grafenstein Verlag in "Ausgesuchte Einakter und Kurzspiele", Dritter Band, herausgegeben von Lutz R. Gilmer ab. 1987 verlegt Klaus G. Renner, München Gschaegn is gschaegn in "DER WILDE JAEGER - Eine Sammlung". Seit 1993 ist der Text über den Theaterstückverlag, München zugänglich.
 

 
 
(...) Ein bestialisches Bierzapf- und Trink-Ritual entwickelt das zweite Stück des Abends, "Gschaegn is gschaegn". Das ist teuflische-penetrant beobachtet und in herben Bühnenwitz umgesetzt. (...)
Ernst Günther Bleisch, Münchner Merkur, 2. Januar 1976
 
 
Bier, Schnupftabak und Liebe - (...) Das Bier als alles bestimmender Herrschafts- und Gunstbeweis, der Schnupftabak als Regulator aller Seelenregungen, die Liebe, die sich diesen archaischen Ritualen widersetzt, muß einfach tödlich enden. (…) Böses, heiteres Schau-Spiel – im proT gibt es das zur Zeit sicher kunstvollste "Volkstheater" Münchens zu sehen.
Thomas Thieringer, Süddeutsche Zeitung, 3./4. Januar 1976
 
 
(...) Nach der Pause gibt es Mundartcomics mit dem Titel "Gschaegn is gschaegn" - auch von Sagerer. Eigentlich eine Neuinszenierung des ersten Sagerer-Stücks, das schon vor den Kroetz-Stücken im Theater zu sehen war, und welchem Kroetz sicher einige Anregung verdankt. (...)
Ake, 62. Blatt, Stadtzeitung für München, 23.1.-5.2.1976
 
 
(...) Schon einmal, im März 1975, hatten die Münchner in Hof ihre Aufwartung gemacht – damals fast ohne Resonanz. Nun aber (…) wollten Hundertschaften dabei sein. Sogar auf den Spielpodesten lagerte das Publikum; Sagerer mußte sich, bevor es losgehen konnte, erstmal um die Sitzordnung kümmern. (…) Sagerers Theater ist konkret, es entsteht aus der puren Lust am Spiel, an der Aktion, freilich auch – wie Dada – aus dem Bedürfnis heraus, fragwürdig gewordene bürgerliche Kultur der Lächerlichkeit preiszugeben. Volkstheater und Heimatfilm liefern das Grundmuster, das mit fanatischer Spielwut variiert wird. Idyll und Tragödie werden gespenstisch miteinander verquickt zur chaotischen Supershow, in der aus Ulk unvermittelt mörderische Rituale werden, in der aggressive Schockszenen sich ebenso plötzlich verwandeln können in absurden Klamauk. (...)
Ralf Sziegoleit, Hofer Anzeiger, 20. Oktober 1976
 

Film-Dokumentation 1982


Gschaegn is gschaegn, 03. April 1982, (24 Minuten 21 Sekunden)
 

 
Ungeschnittene Aufzeichnung aufgenommen mit einer VHS-Billig-Kamera. Alexeij Sagerer (Wirt), Cornelie Müller (Wirtin), Agathe Taffertshofer (Wirtstochter), Hias Schaschko (Heiratsfafforitt der Wirtsleut), Werner Eckl (Heiratsfafforitt der Wirtstochter) und Brigitte Niklas (Licht- und Musikeinspielungen) im proT, Isabellastrasse 40, München.
 
 
This exciting group of six young men and women from Munich specialise in the grotesque, exaggerating coomonplace action and distorting voice to give the effect of dislocation, of normality become crazy. The closest to this in Britain is Monty Python but their absurdity is benevolent compared with Prozessionstheater's savagery in the cartoon tradition of those nasty Germany children's books "Max und Moritz" and "Struwelpeter".
The audience sat in the center of the hall, surrounded by four stages. (...) Gestures and movements were performed with absolute, almost cruel precision. (...)
Michael Newman, Stage, Edinburgh Fringe Festival 1977
 
 
PROZESSION THEATER have rejected the conventions of ordinary theatre. They have rejected story, explanation, naturalism, realsim, and relevance. They have almost rejected speech. They want you, the audience, to respond, to their show. It is your response at the time that they consider important and not any analysis or understanding that may folow upon the experience.
(...) However, the second play "Done is done" demonstrates just how skilful the company are as actors. (...)
Julia Buckroyd, The Scotsman, 03.09.1977
 
 

Gschaegn is gschaegn auf Youtube

(0:58 Minuten)
03. April 1982, proT, Isabellastrasse 40, München
 

 
Gschaegn is gschaegn (Youtube) ist ein Auszug aus der ungeschnittenen Video-Aufzeichnung aufgenommen mit einer VHS-Billig-Kamera. Mit Alexeij Sagerer (Wirt), Cornelie Müller (Wirtin), Agathe Taffertshofer (Wirtstochter), Hias Schaschko (Heiratsfafforitt der Wirtsleut), Werner Eckl (Heiratsfafforitt der Wirtstochter) und Brigitte Niklas (Licht- und Musikeinspielungen) am 03. April 1982 im proT, Isabellastrasse 40, München.
 
 
Bier und Mannesmacht - (...) Alexeij Sagerer braucht den Naturalismus des herkömmlichen Bauerntheaters nicht; sein Bühnenbild ist der jeweilige Theaterraum, seine Requisiten vier Stühle und ein Fass Bier. (...)
Johanna Braun, Süddeutsche Zeitung, 17.07.1981
 
 
Einer der härtesten Theatermenschen überhaupt ist heute im Erdinger Hirschwirt zu erleben: Alexeij Sagerer. Mit dem Ensemble des proT aus München bringt er “Eine heiße Sommernacht im lindgrünen Hochwald” und Gschaegn is Gschaegn”, Berg- bzw. Mundartcomics, nach Erding. Viele sehen in Sagerer das einzig wahre Volkstheater, andere finden ihn einfach pervers. Auf jeden Fall bringt er Action ins Theater, das er, so eine Pressekritik, “auf den Kopf stellt, in seine Bestandteile zerschlägt und mit ... fanatischer Spiellust wieder zusammenfügt.
ml, Münchner Merkur/Erdinger Anzeiger, 10.01.1983
 
 
Theater ins Leben - (...) Sagerers erstes Stück, das mittlerweile vierzehn Jahre alte "Gschaegn is gschaegn", hat schon urwüchsige, süchtigmachende Kraft. Die Wirtstochter liebt einen anderen als die Eltern für sie vorgesehen haben. Deshalb will sie weggehen, und deshalb wird sie von ihrem Vater erstochen. Ganz einfach. Aber was dazwischen alles passiert, ist spannend. Minuziös ausgearbeitet, von ungeheurer Dichte, ohne Brüche konzentriert zu Ende gespielt. Das Schweigen zwischen den wenigen Sätzen ist aufregend, was in den Gesichtern passiert, spricht Bände. Als der Vater seine Tochter ersticht, weil sie mit diesem wunderbar dümmlichen Angeber abhauen will, herrscht bei den Zuschauern wirkliches Entsetzen. Minutenlang steht Alexeij Sagerer mit dem Messer in der Hand regungslos und schweigend da, und niemand kann sich diesem Anblick entziehen. (...)
Susanne Schneider, Erdinger Neueste Nachrichten/Lokalteil der SZ für den Landkreis, 12.01.1983
 
 
Weltkunst aus Bayern - Nordlichter werden in die Geheimnisse bayerischer Avantgarde eingeführt "Wenn man das gesehen hat, weiß man ungefähr, was in Bayern los ist": Diese Worte in Franz Josefs Gehörgang, und der cholerische Landesfürst hätte einen Grund mehr zu toben. (...) Das Prozessionstheater München (proT) sorgt in bekannt-derber Dominanz für bestialische Bierzapf- und Trinkrituale, Gipfelglück, inklusive herbherzigem Dirndl-Charme. Über diese Art von Mundart-Comic werden sich nicht nur Kunstbeflissene streiten – immerhin. (...)
Szene Hamburg, Nov. 1984
 

Film-Dokumentation 1999


Gschaegn is gschaegn, 31. Oktober 1999, (28 Minuten 21 Sekunden)
 

 
Ungeschnittene Aufzeichnung. Der Großkopferte (Wirt): Alexeij Sagerer, Die Ziefern (Wirtin): Cornelie Müller, Die Dantschige (Wirtstochter): Agathe Taffertshofer, Der Hosenscheißer (Heiratsfafforitt der Wirtsleut): Franz Lenniger, Der Pfundhamme (Heiratsfafforitt der Wirtstochter): Max Hupfer, Abendtechnik: Michael Bischoff. Einsteinhallen München. Kamera: Christian Virmond.
 
 
(...) Sagerer hat 1997 den Münchner Theaterpreis bekommen, seine Vorhaben werden von der Stadt regelmäßig gefördert und einen Verriss hat er schon lange nicht mehr lesen müssen in den Münchner Zeitungen.
Das ist dann doch auch erstaunlich, denn bei allem Slapstick und aller Komik, mit der Sagerer immer wieder gerne arbeitet, leichte Kost sind seine Stücke nicht, schon weil es in ihnen sehr, sehr viel zu schauen, aber nur wenig zu verstehen gibt, im landläufigen Sinne jedenfalls. Sein erstes Stück "Gschaegn is gschaegn" (zu deutsch: "Geschehen ist geschehen"), mit dem im Oktober 1969 in der Schwabinger Isabellastrasse alles begann, besteht nur aus 133 Worten, funktioniert aber mit viel Bier, viel Gestik und viel Schnupftabak wie eine klassische Tragödie: Die Wirtstochter liebt nicht den von den Eltern ausgesuchten Mann, sondern einen anderen und muss am Ende sterben, einen Ausweg gibt es nicht. Der gebürtige Niederbayer Sagerer (...) hat aus der Geschichte einen wüsten, urkomischen "Mund.Art.Comic" über seine Heimat gemacht, in dem - fast wie in der commedia dell'arte - Typen auftreten wie "die Dantschige", "der Hosenscheißer" und "der Pfundhamme", die es so überall auf der Welt geben kann. (...)
Franz Kotteder, Süddeutsche Zeitung, 30./31.10., 1.11.1999
 

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Rudolf Friedrich Pleuna