Monster-Idyllen (OR 4.2), 15./16.17./18. September 2004
Reaktorhalle, München / verborgener Ort, Niederbayern

 

MÜNCHNER KULTUR Freitag, 17. September 2004
 
Das Böse macht böse
Alexeij Sagerers weltaktueller Raumflug in der Reaktorhalle

Der Kirschbaum hat dieses Jahr keine einzige Kirsche getragen. Was daran liegen mag, dass ihn Tarzan vergangenes Jahr gefällt hat. Damit begann das Böse. Jetzt hantiert er noch mit den Ästen, der naturhafte Naturbezwinger, und Jane hat den Geschmack der Kirschen auf den Lippen. Erinnerung. Weil nämlich: Tarzan und Jane sind frisch geklont, und so ein Klon weiß nichts von dem, was da kommen mag, aber etwas von dem, was war. Die Erinnerung borgt er sich von seinem Ursprung, sie wird seine Zukunft.
 
In einer Zeit, in der die Zeitungen kompakt werden, komprimiert auch Alexeij Sagerer seine seit Jahren währenden Raumschiffflüge. Und das kleine theatrale Wunder an der Sache ist, dass einem nach den 28 Minuten in der Reaktorhalle nichts fehlt. Sagerers technik-sattes Raumschiff ist eine Welt für sich, und in diesem Generieren eröffnet sich die Möglichkeit eines höchst weltaktuellen Informationsflusses, ohne dass den Kommentaren und ihrer Verbildlichung die Pädagogik tagesaktueller Auswürfe anhaftete. Gleichzeitig betätigt sich Sagerer selbst vom gutbemannten Technikpult aus als verführerischer Erzähler, der die Mechanismen seiner integrierten Live-, Video- und Internetaktion bereitwillig erklärt. Ja, Sebi Tramontanas rauer Posaunenklangteppich ist beispielsweise einen Moment lang suspense. Indem Sagerer benennt, was man hört, und ihm dieses Film-Wort gibt, galoppiert die Ratio dem Empfinden davon. Das eigene Erleben huscht hinterher. Ein interessanter Vorgang, der die knappe halbe Stunde so intensiv werden lässt.
 
Am Ende bleiben die Archetypen Tarzan und Jane, verkörpert von Susanne Schneider und Franz Lenniger, zwar Menschen, und zwar mehr Natur als Kultur. Ihr Kampf gegen das Böse indes ließ sie selbst böse werden. Doch nur ein Video zeigt ihr Treiben in einem Folterkeller. So unscharf wie die Bilder aus dem Irak.
 
EGBERT THOLL