Monster-Idyllen (OR 4.2), 15./16.17./18. September 2004
Reaktorhalle, München / verborgener Ort, Niederbayern

 

MÜNCHNER KULTUR Mittwoch, 15. September 2004
 
Mit Tarzan in den Weltraum
Alexeij Sagerers "Monster-Idyllen" haben heute in der Reaktorhalle Premiere

Alexeij Sagerer ist ganz begeistert von diesem Raum und seinen Möglichkeiten. Hier, in der Reaktorhalle, soll heute Punkt 20.47 Uhr sein neues Raumschiff starten. Seit 1997 läuft sein theatrales Großprojekt "Operation Raumschiff" mit jährlich einer neuen Etappe. Und nun ist also die Episode 4.2 an der Reihe, unter dem Titel "Monster-Idyllen - birth of nature, Geister-Raum-Schiffe". Alles klar, oder? Wer nun versuchen wollte, das neue Theater-Projekt Sagerers detailliert zu erklären, stieße schnell an Grenzen. Hier wird, wie meist bei Sagerer, nicht linear erzählt oder gar imitierend gespielt. Viel eher handelt es sich um eine Performance mit aktuellen und zeitlosen Anmerkungen, aufgehängt am Flug eines fiktiven Raumschiffs. Als mythenbehaftete Hauptfiguren mit Symbolcharakter für das 21. Jahrhundert hat Alexeij Sagerer wieder Tarzan und Jane verwendet (Franz Lenniger und Susanne Schneider), wie schon in den vergangenen Jahren. Der Urwaldheld Tarzan ist für ihn so etwas wie die Blaupause des amerikanischen Ideals der Gegenwart: naturverbunden und zugleich übernatürlich, also "eine Steigerung der Natürlichkeit des Menschen", wie Sagerer es ausdrückt. "Besonders die US-Regierung von George W. Bush betreibt eine Fortsetzung der Tarzan-Welt-Politik, gesäubert von genetischen Defekten Tarzans, der zum Beispiel nicht foltert und keine Frauen töten kann, auch keine bösen."
 
Schöne neue alte Welt also. In den "Monster-Idyllen" wird Tarzan mit verschiedenen Erscheinungen der Gegenwart konfrontiert, mit Bombenterror, Folter, Gen-Technik, aber auch mit geschönten Idyllen. Dies alles freilich in verklausulierter Form, denn, so Sagerer: "Kunst ist kein Spiegel, sondern geht neue überraschende Bindungen ein."
 
Insofern passt der Raum, in dem er seine 28-minütigen Raum-Fahrten nun ablaufen lässt, ganz hervorragend. Um neue Bindungen geht es schließlich in Reaktoren auch. Ganz abgesehen davon ist die Reaktorhalle, zumindest für Sagerers Zwecke, ein ganz wunderbarer Theaterraum. Nicht nur wegen der derzeit dort befindlichen Installation von Kay Winkler, die dem Innenraum ein Hauch von elisabethanischem Theater, von Shakespeare-Bühne verleiht. Sondern auch wegen des enorm hohen Raumes, der den Zuschauern, die in der Mitte der Halle stehen werden, tatsächlich das Gefühl geben kann, in unendliche Weiten zu blicken. Folgerichtig spielen Tarzan und Jane auch auf zwei Emporen unter der Decke des Saales, und auch die Musik von Sebastiano Tramontana kommt von oben. Und wo bleibt die Idylle? Ganz einfach: Die Halle selbst ist die Idylle der reinen Nützlichkeit, "die Vision eines endgültigen Schutzraums". So kann man's auch sehen.
 
FRANZ KOTTEDER