14. DIE ZEIT, 7. September 1979 Feuilleton
 

 
 
Der Aufstand gegen die Angestelltenkultur: Über Alexeij Sagerer, Vlado Kristl und Herbert Achternbusch
Die Riesen des Wahnsinns

Notizen aus der Münchner Anarcho-Bohème / Von Helmut Schödel

 
Eine alte Frau, die Haare zum Knoten hochgesteckt, den schwarzen Hut in die Stirn gedrückt, ans braune Samtkleid einen Dolch gebunden, zündet eine Wunderkerze an. Ein Sturm kommt auf, und mit dem Sturm beginnt die Alte ein "langes Geplapper". Weil sie in einem Theaterkeller sitzt, redet sie nicht nur vom Sandbahnrennen in Plattling, sondern auch über Kultur und Kulturverwalter. Wenn es nach ihr ginge, wäre kein einziger mehr im Amt, weil "man doch auch keine Kaminkehrer einsetzt, die nicht schwindelfrei sind, weil die anfangen würden, die Häuser einzureißen, um dieses Schwindelgefühl zu verscheuchen, das in ihnen ein solches Chaos hervorruft".
 
In einem grauen Korridor steht ein unauffälliger Mann mittleren Alters. Er möchte eines der umliegenden Zimmer betreten und wird hinausgeworfen. Um wenigstens in den Raum daneben zu gelangen benutzt er nicht mehr die Tür, die ihm verboten werden könnte, sondern geht durch die Wand.
 
Ein Mann, Ende Dreißig, ganz in Weiß, mit einem Hut wie ein Tropenhelm, gibt am Ammersee ein Interview. Er sagt: "In Bayern möchte ich nicht einmal mehr gestorben sein." Aber an Emigration denkt er deshalb nicht: "Diese Gegend hat mich kaputtgemacht, und ich bleibe so lange, bis man ihr das anmerkt."
 
Statt schwindeliger Kaminkehrer: zerstörte Häuser. Neben verbotenen Türen: Löcher. An Stelle der kaputten Menschen: der kaputte Staat. Die Alte in Alexeij Sagerers Theaterstück "Der Tieger von Eschnapur III oder Ich bin imbrünstig mein Alexeij Sagerer" Kurzbiographie 1977: Der Tieger von Äschnapur, der anonyme Herr in Vlado Kristls Sekundenfilm "Türen" und Herbert Achternbusch in Herbert Achternbuschs Spielfilm "Servus Bayern" besitzt den Mut zur Unvernunft. Das gesellschaftlich Vernünftige (der Berufswechsel des Kaminkehrers, das Warten vor der Tür, die Geduld) erscheint als ein sinnloser Kompromiß, der den Schwindel nicht besiegt, das Warten nicht verkürzt , den Geduldigen nicht belohnt. Das Unlogische wird zur logischen Alternative.
 
Neues von Karl Valentin!
 
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Durch den dunklen Theaterkeller schleppt ein Mann ein großes Holzkreuz. Er hat schulterlanges blondes Haar und ist nur mit einem Lendenschurz bekleidet. An dem Kreuz hat er zwei Scheinwerfer so befestigt, daß er von vorn und von hinten beleuchtet wird. Alexeij Sagerer hat sich in seinem Münchner Theaterkeller ProT als Christus inszeniert. Sein Kreuzweg ist kein Opfergang: Das Kreuz ist für ihn eine Halterung für Scheinwerfer, ein Gerät zur Selbstdarstellung.
 
Auf einem Bootssteg im Wörthsee steht eine Wand aus lauter Porzellanrahmen mit winzigen Bildern darin. Vlado Kristl nennt sie. Die Wand in der Welt. Neben dieser Wand liegt ein Mann auf dem Rücken. Es ist Heinz Braun, den man aus Achternbusch-Filmen kennt. Kristl, nur mit einer Badehose bekleidet, beugt sich mit der Pose eines Body-Builders über ihn. Auf Kristls Bild "Joe Dynamo und Hawkins Halbblut" (das zu seiner neuen Bilderreihe "Die nackte Wand" gehört) ist für Kristl die Wand in der Welt nur noch vorhanden, um die Stärke ihres Bezwingers und seine Kraft zu beweisen. Auch die "Weltwand" ist ein Gerät zur Selbstdarstellung.
 
Über riesigen Eisbergen, die "vor Todesahnung strotzen", stirbt Herbert Achternbusch in seinem Film "Servus Bayern". Er trinkt sich in Grönland zu Tode. Die Eisberge sind für ihn "der Trost und der Tod zugleich". Der Trost im Tod: die Möglichkeit zur optimalen Selbstdarstellung.
 
An Stelle des Mannes mit dem Samsonite-Koffer: der Kraftprotz. An Stelle der größtmöglichen Unauffälligkeit: die Lust daran, auffällig zu sein. Für den Samsonite-Mann ist Selbstdarstellung ein negativer Begriff. Für Joe Dynamo ist sie ein Mittel des Protests. Sein Ziel: die Selbstverwirklichung.
 
Neues vom gefesselten Prometheus: der Freund der Menschen, der Gegner des Zeus, protestiert gegen die Angestelltenkultur.
 
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"Kommen Sie alle unbedingt! Ich werde spielen wie ein junger Gott!" Alexeij Sagerer wirbt für seinen "Tieger von Eschnapur III" der eigentlich sein vierter "Tieger" ist, weil er mit seiner Zählung bei Null beginnt. Der nächste "Tieger" ("Ich hab ein Jahr lang gekämpft um dieses »E«") soll "Der Tieger von Eschnapur unendlich" heißen. Nach der Vorstellung steht Sagerer, der im niederbayerischen Deggendorf dieselbe Schule wie Achternbusch besuchte, hinter dem Tresen eines Kellerfoyers, einem weißgetünchten, ziemlich verwinkelten Raum mit Möbeln von der Müllkippe. Er redet und stottert und redet wie ein Wilder über sein neues, unendlich unerklärbares Projekt. Über meine neugierigen Fragen lacht er freundlich und beantwortet sie nicht. Nur so viel gibt er preis: Diesmal wird er mit Indianern arbeiten, und das Projekt wird auf fünf Kontinenten gleichzeitig Premiere haben.
 
Schreiben, Spielen, Filmen, Malen für den Triumph der Anarchie. Auf den Spuren des bösen Baal proben drei Künstler in und um München alternative Formen. Einer der erprobtesten Kämpfer gegen den "ausgewogenen" Kulturbetrieb ist der jüngst von der Ausweisung bedrohte Jugoslawe Vlado Kristl (unten links und rechts): Don Quichotte und Partisan.
 
    Phantast und Abenteurer: Alexeij Sagerer, Original-Genie, in seinem Ein-Mann-Stück "Der Tieger von Eschnapur oder Ich bin imbrünstig mein Alexeij Sagerer" (Mitte).
 
Herbert Achternbusch hat geschrieben: Diese Gegend hat mich kaputtgemacht, und ich bleibe so lange, bis man ihr das anmerkt." Ein Leitmotiv des einsamen Widerstandes
 
 
"Eigenheime haben wir vertrunken, das war schön", schwärmt der Untermieter von Herberts Mutter in "Servus Bayern". Wenige Tage bevor der Film Premiere hat, sitzt Herbert Achternbusch in seinem Haus in Buchendorf bei Gauting, gegenüber dem Dorffriedhof. Er gibt eine Vernissage für seinen Freund Gunter Freyse. Gegen Ende des Abends hält er eine Eröffnungsrede. Er schwärmt von seinem "Nest", das er sich gebaut hat, "um von dort aus mit faulen Eiern werfen zu können".
 
"uns ist wieder einmal gekündigt worden / wir gehen freiwillig aus der Wohnung des falschen Lebens / beim Weggehen werfen wir die Schlüssel / ins Wasser / Am Ende des Regentages / schwimmen sie noch immer herum / und kreiselnd stoßen sie an / Das konnte natürlich keiner voraussehen / das sie schwimmen können."
 
In seiner Einzimmerwohnung im obersten Stockwerk aus den dreißiger Jahren im Münchner Stadtteil Neuhausen gibt mir Vlado Kristl ein Exemplar der Zeitschrift Filmkritik (Mai 1976), in der außer Zeichnungen und Prosatexten auch seine "postrevolutionären Gedichte" abgedruckt sind. Auf die erste Seite hat Kristl Wohnblocks gezeichnet: "München: mein Wohnviertel". Kristl nimmt die Zeitschrift noch einmal zurück, greift sich einen schwarzen Kugelschreiber und einen roten Filzstift. Jetzt schlagen Flammen, quillt Rauch aus dem Dachgeschoß der Häuser. Neuhausen brennt.
 
An den Wänden hängen Vogelkäfige aus Holz, in die lauter kleine, bunte Bilder eingeschlossen sind. Ein Flugzeug aus einer Packung von Kellog's Cornflakes hergestellt, baumelt von der Decke und scheint abzustürzen. Vor dem Warmwasserboiler hängt eine Leuchtreklame von Coca-Cola. Die Decke über dem Bett ist so tiefblau wie ein tiefer See. Neben dem Fenster hängen Familienphotos: Bilder von der dreizehnjährigen Tochter Madeleine und dem fünfzehnjährigen Sohn Pepe. Hinter ihm Suppendosen, vor ihm ein Schreibtisch mit tausend Zetteln.
 
In dieser Kammer, seinem Atelier, entsteht, als das Ausländeramt mit der Nichtverlängerung seiner Aufenthaltsgenehmigung droht, ein Text von Vlado Kristl: "Ein Bär hat sich auf die Mücke gestürzt. Die Mücke ist viel zu klein für einen Bär. Nun, das ist mein moralisches Lied. Ich steche zurück, und wenn es lächerlich ist, und wenn es dem Bären nichts bedeutet... nie und nirgends soll eine Bitte stehen, keine Andeutung von Arrangement. Nein, Schlag auf Schlag. So, daß der Riese auf den Bauch fällt.... kein Aufschub meines Todes ist Rettung. Kein Almosen gibt mir Recht, kein Rechtsanwalt kann hier etwas umdeuten. Nur die Schleuder! Nur der Gegenangriff!... Es ist mein Wille, mich so zu verteidigen und so zu sterben."
 
Ein paar Tage später ist der 56jährige Vlado Kristl, der Kroate aus Zagreb, dessen Mutter nach einer "Gefängnisstrafe im kommunistischen Kerker" als Alkoholikerin starb, der in Jugoslawien im Gefängnis saß, der in den fünfziger Jahren in Chile als Taxifahrer jobte, der in die Bundesrepublik emigrierte, der später erste Preise beim Oberhausener Kurzfilm-Festival gewann, Professor Kristl. Er hat einen Lehrauftrag an der Hamburger Kunstakademie erhalten.
 
Kristl greift sich einen Kugelschreiber und entwirft eine Wohnung für sich und die Kinder. Er fordert in Hamburg fünf Zimmer und ein Atelier, möglichst am Wasser gelegen, kein Neubau. Kristl will Platz zum Leben. Gäste "müssen kommen können", sagt Kristl, "schließlich liegt Hamburg am Ende der Welt".
 
In seiner Gefängniszelle sagt Baal bei Brecht zum Geistlichen: "Sterben? Ich lasse mich nicht überreden. Ich wehre mich bis aufs Messer. Ich will noch ohne Haut leben. Ich ziehe mich in die Zehen zurück. Ich falle wie ein Stier. Es muß noch Genuß sein im sich Krümmen. Ich glaube an kein Fortleben und bin aufs hiesige angewiesen."
 
An Stelle der Sublimation des Samsonite-Mannes: ein anarchisches Glücksverlangen. Neues vom bösen Baal, dem Asozialen!
 
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Don Quichotte, der die Menschheit liebt, verläßt sein Haus, um ein Reich der Gerechtigkeit auf Erden zu gründen. Inmitten allgemeiner Verbürgerlichung lebt er in einer vorgestellten Feudalwelt.
 
Inmitten fortgeschrittener Technokratisierung lebt Herbert Achternbusch die romantische Vorstellung vom Dichter als dem einsamen Seher: "Ich werde mein Herz zum Nordpol tragen und sehen, wie es ihm ergeht." Inmitten der arbeitsteiligen Gesellschaft entläßt Alexeij Sagerer seine Theatergruppe und lebt seine Vorstellung vom Originalgenie. In seinem Theaterkeller macht er alles allein: Text, Raum, Regie, Aufführung, Kneipe. Alles Erklärbare scheint ihm verdächtig. Inmitten allgemeiner Anpassung, in einer Zeit, in der "Solidarität" wieder zum Fremdwort wird, lebt Vlado Kristl seine Vorstellung vom einsamen Rebellen, der sich mit allen Armen solidarisiert: "Ich nutze die Chance, für die andren etwas auszukämpfen, und wenn mir nichts dabei zufällt, nehme ich's nicht zu tragisch." Über einer Theatervorstellung, die "Ella oder die Alternative" hieß, einer Zertrümmerung von Achternbuschs erstem Theaterstück, hing ein riesiges Bild Bakunins.
 
Das Ideal der Anarcho-Bohemiens: der Typ des Phantasten und des Abenteurers, der ins Unbekannte aufbricht in der Bakuninschen Variante zu revolutionären Triumphen, in Cervantes' Variante in die heroische Einsamkeit.
 
Bei diesen Expeditionen ist die Gefahr der Selbstzerstörung größer als die politische Wirkung. Don Quichottes Enttäuschung schlägt am Ende in eine tödliche Krankheit um: Der Kampf gegen die Windmühlen wird zu oft zugunsten der Windmühlen entschieden.
 
Über Vlado Kristls (Anti-)Film "Der Brief" schrieb Uwe Nettelbeck: Letzten Endes jedoch verkehrt sich Kristls Wut gegen das Kino, das ihm ein Tempel ist, in dem die Händler die Poesie verschachern, in Ohnmacht: Einen Film zu machen, den man nicht nur mit dem Rücken zur Leinwand ansehen kann, auf daß Platz werde für eine mickerige, unerhörte Kinopoesie, das konnte auch ihm nicht gelingen. Denn auch der böse Widersinn des Unterfangens bleibt schließlich auf der Strecke weil er sich mitteilen möchte und muß. Weil niemand einen Film mit dem Rücken zur Leinwand absitzen wird. Und so tut Kristl doch, was er lassen will liefert er ein, wenn auch noch so entnervendes Vergnügen, fängt er sich gerade in jener Falle, die er vor allen Dingen zu vermeiden versuchte: Seine Aufsässigkeit ist den verabscheuten Kinotraditionen zutiefst verpflichtet und über den Trümmerhaufen, den er hinterläßt, nicht hinaus gedacht. Der prononcierte Avantgardismus, den Kristl zelebriert, entpuppt sich als Reflex auf das, was er zerschlagen möchte. Der Mann, der in einer Szene des »Briefes« einem Photographen die Kamera entreißt und sich dann panisch knipsend im Kreise dreht, ist blind."
 
Don Quichotte wird zur tragischen Figur des Kampfes gegen die ausgewogene Gesellschaft.
 
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Achternbusch, Kristl, Sagerers Kunst des einsamen Widerstands ist von unbezweifelbarem Rang. Till Barbes Kunst des einsamen Widerstandes ist unbezweifelbar (künstlerisch) bedeutungslos.
 
Till Barbe lebt als Rentner in der saarländischen Provinz. In Tag- und Nachtarbeit hat er ein unlesbares Theaterstück geschrieben und von seiner Rente 4000 Exemplare drucken lassen. Die "Komödie der Illusionen und Kontraste" ist ein Deutschlanddrama, dessen zweite Szene (von insgesamt sieben) bereits "Begegnung und Deutung" heißt und in dem Lénie vom Place Pigalle freizügig bekennt: "Ich hab' fürwahr / Denn ohne Höschen / Im Westen Deutschen Landes / Genascht mit großem Eifer / Erfreut / Beglückt manch' fromme Geister. / Erfahrung brachte mir der Sex / Das hier blüht unter Schleife."
 
Till Barbe wollte sein Drama bei Peymann uraufführen lassen, ist aber mit seinem Anliegen über das Vorzimmer nicht hinausgekommen. Erfolgreich widersetzt er sich der Einsicht, daß er nicht schreiben kann, weil diese Erkenntnis seinen Lebensabend sicher um vieles langweiliger gestalten würde. Till Barbe ist ein tapferer Träumer.
 
Für nächste Woche hat er die Druckfassung seines ersten Romans versprochen: "Das Geheimnis des Virgen-Tals." Es gibt nicht nur Riesen im Lande des Wahnsinns.