|
RECKEN BIS ZUM VERRECKEN mit Alexeij Sagerer und Zoro Babel Premiere, 13. Juli 1994, proT-ZEIT ![]() Foto: Volker Derlath SZ vom 15. Juli 1994 DEUTSCHE GESCHÖPFE Deutschland ist vereint, doch der Theaterraum zerfällt in zwei Hälften. Auf einem hölzernen Laufsteg begegnen sich Hagen (Zoro Babel) und Siegfried (Alexeij Sagerer), der Uniformierte und der Geschäftsmann im Rüschenhemd, sie rauchen und argwöhnen, ehe sie per Handschlag einig werden. Hagen und Siegfried gehören zusammen, sie sind Geschöpfe aus Deutschland. Die Position die der Abend im Rahmen des imposanten "Nibelungen & Deutschland Projekts" des proT einnimmt, läßt sich nur mehr mit Hilfe eines Koordinatensystems feststellen: Danach befindet sich die Produktion auf Position 3/3, also drei Schritte nach rechts (horizontal) und drei nach unten (vertikal). So geortet, könnte der Abschnitt "Recken bis zum verrecken" als glänzender Stein im Mosaik des Ganzen identifiziert werden. Doch der dritte Teil des dritten Themas ist für sich genommen ein Brilliant. Sagerer ist das schier unmögliche gelungen, nämlich die Wucht seines Themas auf ein schnoddriges Spiel mit Versatzstücken zu verdichten. Und obgleich im Grunde keine Geschichte erzählt wird, liest jeder eine heraus und nennt sie die eigentliche, die vollständige. Ralph Hammerthaler AZ vom 15. Juli 1994 VOM FRESSEN UND GEFRESSEN WERDEN Die Mythen fressen ihre Kinder, die Helden haben ausgedient. Deutschlands Wiedervereinigung als Geschichte vom Fressen und Gefressen werden erzählt Theater - Avantgardist Alexeij Sagerer im jüngsten Teil seines Nibelungen & Deutschland Projekts, "Recken bis zum Verrecken". Selten ist Theater so radikal - sinnlich näher am Puls der Zeit. (...) Wagner-Musik und Sturmgedröhn, faschistische Kunstdefinition, Nibelungen-Zitate und aktuelle Straßenbilder mischen sich in Sagerers strenger szenischer Form zum bösen, kühn gebrochenen Deutschland-Bild. Gabriella Lorenz ![]() Foto: Volker Derlath MÜNCHNER MERKUR vom 15. Juli 1994 SKINHEAD HAGEN (....) Die ganze Performance ist auf die zwei Pole Hagen und Siegfried reduziert. Sie stehen sich gegenüber auf einem langen Laufsteg, an dessen Enden jeder sein Reich hat - Hagen sein Schlagzeug, Siegfried die Kraftmaschine. Nur in den beiden Videotürmen dahinter flimmert auf beiden Seiten das gleiche: Momentaufnahmen aus sieben deutschen Städten, ein Gang von Ost nach West, aber auch vom Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs zu den Rechtsradikalen von heute. Das Land ist geeint. Doch Siegfried und Hagen als treffsichere Metaphern für Ost und West geben ein deutliches Bild vom Status Quo dieser Vereinigung. Wo sich der eine selbstzufrieden der Kraftmeierei hingibt, macht der andere mit aggressiven Tönen seiner Wut Luft. Eine fast spartanische Performance ohne falschen Pomp und überflüssiges Brimborium. Doch mit kargen Mitteln, einprägsamen Bildern bringt sie die Geschichte von Siegfried und Hagen mit der Wiedervereinigung nicht nur unter einen Hut, sondern auch auf den Punkt. Claudia Teibler APPLAUS August 1994 RECKEN BIS ZUM VERRECKEN im proT (...) Sagerer kommt über uns mit Stimmgewalt. Im Rhythmus der sieben Städtevideos (von Ost nach West: von Dresden bis Düsseldorf) entladen sich kathartisch-kataraktisch Sprachschwall und Kraftakt. Gegen das ohrenbetäubende Metall des Schlagzeugs setzt er die weiche Rauheit der Stimme, redet sich in Rage von Kindergestammel zum Raubtiergebrüll, vom ungelenk, fast zarten Lallen zum heiseren Wortgedröhn des braunen Demagogen. Sagerer reproduziert nicht, spielt nichts vor, sondern verausgabt sich an den Moment, geht - auch physisch - bis an die Grenze. Siegfrieds Tod, Deutschland nach der Wiedervereinigung: Die Tat ist geschehen, der Anfang ist verspielt, unnötig darüber zu klagen, doch am Ende steht hier kein blutiges Gemetzel. Das Duell wird zum (Liebes-)Duett: Hagen im Diskant und Siegfried im tiefen Bariton singen sich gegenseitig beim Namen. Nicht mit Blut, sondern mit rotem Lippenstift malt Hagen Siegfried das Zeichen seiner Verwundbarkeit auf den Rücken, doch es folgt kein Todesstoß; statt dessen läßt Sagerer Sektkorken knallen: Der Eros des Unmittelbaren Theaters triumphiert im überschäumenden Finale. Prost proT! Silvia Stammen |