Reines Trinken - Gottsuche, 21./22. Juni 2008
Neuland, München / Oppe's Bistro, Floß
 



 
Im Rhythmus des Bieres
"Reines Trinken" als die Quintessenz des "proT"-Schaffens

Natürlich kann man im Voraus mal wieder wenig sagen. Wenn Alexeij Sagerer zu seinen Theater-Ereignissen lädt, dann wissen wohl nur er und seine Mitspieler so genau, was da eigentlich geschehen soll. Wenn überhaupt. Denn Sagerers "Unmittelbares Theater" ist kaum zu erklären, arbeitet mit Assoziationen und Reaktionen, und wenn es am Samstag zur achtstündigen (!) Aufführung von "Reines Trinken - Gottsuche" kommt, dann lässt sich immerhin eines sagen: Schon vom Titel her wird es wohl so etwas wie die Quintessenz des Sagerschen Theaterschaffens werden.
 
Denn Trinken - respektive Getränke aller Art, insbesondere aber Bier - spielt schon immer eine tragende Rolle in Alexeij Sagerers Theaterprojekten. Schon in den ganz frühen absurden Volkstheaterstücken, Ende der sechziger Jahre, war Bier nicht einfach nur das zentrale Element. Das wäre zur Not ja auch noch gut vorstellbar in Volksstücken, die irgendwie die Abgründe der niederbayerischen Seele verhandeln. Nein, Bier in Maßkrügen war damals schon für Sagerer weit mehr als nur ein Requisit, war ein Stilmittel, das die Handlung - sofern es eine im herkömmlichen Sinne gab - vorantrieb, war ein Rhythmusinstrument, das den Ton angab für den Ablauf des theatralen Projekts. So etwas wie die Basstrommel, die eine Grundlage liefert für all die musikalischen Stimmen, die schließlich eine Komposition ausmachen. Könnte man sagen.
 
Ein ähnlich deutliches Symbol fand sich dann später, insgesamt fünf Jahre lang, bei den "Maiandachten" des "proT" - was die Abkürzung ist für "Prozessionstheater" und von Sagerer seit 1969 als Kürzel für seine Theaterform verwendet wird. Den ganzen Mai über lud Alexeij Sagerer damals täglich irgendeine Person, von der Theaterkritikerin bis zum Kulturreferenten, in sein damals noch festes Haus an der Steinseestraße ein, und neben einem großen Bierfass wurden dann allerlei theatrale Dinge verhandelt. Bevor dann irgendwann, als Höhepunkt des Ganzen, endlich angezapft werden konnte. Was im Unterschied zum normalen Anzapfen, etwa beim Oktoberfest, gerne mit viel verspritztem Schaum einhergehen durfte und sollte.
 
Doch bei all den überschäumenden Gelagen in Sagerers Werk: Trinken ist auch eine ernste Sache. Und wenn einer wie der trostlose Gunther in seinem "Nibelungen & Deutschland"-Projekt stoisch ein Bier nach dem anderen hinunterkippt, dann sagt auch das etwas aus.
 
Nun also "Reines Trinken - Gottsuche", ein achtstündiges Projekt im Rahmen des mehrjährigen Zyklus' "Operation Raumschiff", der noch bis 2011 dauern soll. Im "Neuland" an der Friedenheimer Brücke, so viel weiß man jetzt schon, wird eine Art Gewächshaus auf einer Abraumhalde stehen, fließendes Wasser, das eine nackte Frau acht Stunden lang benetzt, wird eine Rolle spielen. Das Publikum wird von Raumschiff-Stewardessen betreut und bleibt in Bewegung. Parallel dazu, per Internet live dazugeschaltet, eine kleine Kneipe in der Oberpfalz, in der mit größter Ernsthaftigkeit getrunken wird - ebenfalls acht Stunden lang.
 
Recht viel mehr ist vorab nicht zu erfahren, und sehr viel mehr muss man auch gar nicht wissen. Sagerers Projekte sind allemal unterhaltsam, tiefgründig, komisch und symbolbeladen. Und selbst ohne Bier gut auszuhalten.
 
FRANZ KOTTEDER