Reine Pornographie, 13./14./15./16. Dezember 2006
Neuland, München / diskrete Orte im Osten
 

MÜNCHNER KULTUR Samstag/Sonntag 16./17. Dezember 2006

 
Utopie des Eros
Performer Alexeij Sagerer steuert sein Raumschiff ins Milieu

Team Ost sendet keine Informationen. Hat es keine? Hat es welche, die es nicht preisgeben will? Team Ost forscht am Unkontrollierbaren entlang, ist also selbst nicht mehr zu kontrollieren. Die Unkontrollierbarkeit ist eine Utopie, zunehmend seltener und darum umso nötiger. Team Ost ist in Cheb in Tschechien unterwegs, um dort, im Paradies der käuflichen Liebe, dem Akt an sich auf die Spur zu kommen. Sendet es nichts, kann es sein, dass kein Akt stattfindet. Oder dass einer stattfindet, der bewahrt bleiben soll. Dann wäre der neue Raumschiff-Flug von Alexeij Sagerer an seine Grenzen gestoßen, dergestalt, dass „Reine Pornographie“ auch keine Lösung darstellt für die Absenz von Utopien und die Sehnsucht nach Liebe in der modernen Welt, weil die Liebe privat bleiben und nicht gesellschaftlich werden will.
 
 
Was bleibt, ist eine unverschämte Erregung. In einem Atelier-Raum im Neuland neben dem Backstage, wunderschön und gleichzeitig herrlich sinnlos eingerichtet von Kay Winkler, ringt Alexeij Sagerer um die Geburt der Metaphysik aus dem Geiste der Unmittelbarkeit, während Sebastiano Tramontana ganz unmittelbare Möglichkeiten der akustischen Kontaktaufnahme ausprobiert. Doch Nutten-Tarzan erscheint nicht, dafür Jane auf Video, ihren Körper ertastend, erforschend, 100 Prozent frei von Erotik. Aus dem Wollen wird eine Ekstase, die naturgemäß zu nichts führt, aber die Verzweiflung frei vagierender Wesen spürbar macht; kein Glauben mehr, kein Trost, nichts. Greifbar bleibt indes eine Stadtratsdebatte im Vorfeld, wie viel Pornographie die freie Szene vertrage, welche vor allem die dringende Notwendigkeit von Sagerers Unverschämtheiten unterstreicht.
 
EGBERT THOLL