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Sex Göttin Zensur
Manchmal verschickt das Münchner proT Postkarten, und die schaun dann so aus, dass man immer wieder hinschaun muss. Die letzte zum Beispiel zeigt einen Mann, der sich, wie ergeben (oder erschöpft) ausgestreckt auf einem Bett, einen blasen lässt von einer jungen Frau. Gesichter sind nicht zu erkennen, der Schwanz ist von den Haaren verdeckt. Ich habe die Karte so aufgestellt, dass sie jeder, der hereinkommt, gleich bemerkt und in die Finger nimmt. Reine Pornografie heißt der Titel der Aufführung. Das ist schon zu viel gewesen.
Es ist schon eine Weile her, dass ich Alexeij Sagerer das letzt Mal getroffen habe; es war, kein Licht über den Tischen, in einem Berliner Biergarten, den es eigentlich nicht geben durfte, und wir haben, wie all die Jahre vorher in München, viel geredet und viel getrunken. Geraucht hat er damals schon nicht mehr; er hat das Rauchen, wie er sagt, einfach aus seiner Gestik herausgenommen, weil es ihm blöd vorkam. In der Zeit, da er sein ungeheures Nibelungen & Deutschland Projekt schuf, da redeten wir gern über Richard Wagner, die Lüge vom Gesamtkunstwerk, über Politik und das ganze Theater. Alexeij sagte: Es genügt eben nicht zu fordern, Verführung gehört verboten, weil es auch eine Verführung zum Schlechten gibt. Statt dessen muss man den Begriff der Verführung ernst nehmen und herausfinden, was Verführungen in einem auslösen. Wenn die Leute kein Theater mehr aushalten können, dann können sie bald auch schon keinen Nachbarn mehr aushalten, geschweige denn einen Fremden mit all seiner fremden Gestik.
Das Telefon klingelt, CSU-Stadträtin Ursula Sabathil ist dran: Ja, hallo, Grüß Gott, Herr Sagerer, der Oberbürgermeister schimpft, und das Kulturreferat steht kopf, hörenS, wollenS nicht lieber verzichten auf Ihr Theater mit der Pornografie? Weil sonst schaut es nicht gut aus mit dem Geld von der Stadt, da wir mit Steuergeldern, verstehenS, keine Pornografie fördern können. – So klingt eine Drohung. Man kann auch Zensur dazu sagen.
So nicht, sagt bald darauf die Jury, und schmeißt Sagerer, seit Jahr und Tag als der größte vogelwilde Theatermacher in München verehrt, aus der Förderung. Keiner will sich daran erinnern, wie sie noch letztes Jahr gejubelt haben über das proT: Es setze in München, schrieb die Jury 2006, auch weiterhin den unerreichten Standard für jede Art von experimentellem Theater, zumal durch die Vernetzung von Theater, Musik, Internet, Film und Installation. – Dazu muss man wissen, dass sich diese Stadt mittlerweile eine Fachjury leistet, die um jedes Fachurteil herumkommt: Die Hälfte nämlich stammt aus dem Stadtrat. Und Christian Ude, der auch als Gelegenheitskabarettist bekannte Oberbürgermeister, scheint gar nicht zu merken, wie sich seine Stadt mit der Alexeij Sagerer gebotenen Blöße zum Gespött der Theaterwelt macht.
(hämisches Gelächter)
Huren kann ein unmittelbares Theater, wie es Alexeij Sagerer propagiert, nur als Huren gebrauchen. Keine Huren also, die Huren bloß spielen. Und schon gar keine Schauspielerinnen, die, peinlich genug, bloß so tun als ob. In Cheb, Tschechien, werden Kontakte hergestellt, über einen Mittelsmann und eine Mittelsfrau, weil ein Zuhälter womöglich nur das große Geschäft wittert und kurz vor der Performance, das Publikum in gespannter Erwartung, die Preise in die Höhe treibt. Eine der Huren erzählt, dass sie mit ihrem Job die ganze Familie ernährt. Eine andere, dass sie an den Waldrand gelockt und dort einer Horde Männer ausgeliefert worden ist. Beide sagen zu. Und auch ein Freier ist schnell gefunden.
Damals, Ende 60, Anfang 70 in München wäre ich gern dabei gewesen. Damals nämlich fingen sie an. Sagerer, Müller, Kroetz, Achternbusch, Fassbinder. Man hat sich nicht gewundert, sagt Alexeij, wenn man auf Leute stieß, die ebenfalls etwas vorhatten. Wenn Kurt Raab unerlaubt bei uns gespielt hat, dann musste er sich, sobald Fassbinder auftauchte, im Bierlager verstecken. – Das proT hat eine scharfe Philosophie, es redet von Herstellung, nicht von Darstellung, von unmittelbarem, konkretem, vorgängigem Theater. Es gibt prinzipiell nichts, was nicht zu diesem Theater gehört. Es weitet sich permanent aus, aber es platzt nicht. Und scheut sich allenfalls davor, etwas vorzutäuschen.
In Cheb, dort stellen Freier und Hure die Kamera selbst auf, um sich dann beim Sex zu filmen. In Cheb wird ziemlich gut geblasen. Gleichzeitig in München macht eine junge Frau mit einer weißen Maske über dem Gesicht ihren nackten Körper öffentlich, zeigt ihre Füße, ihren Leberfleck über der Scham, die Brüste, die Warzen; sie legt sich mal so, mal so hin, so selbstgewiss wie natürliche Schönheit nur sein kann. Beide Szenen werden übers Internet immer wieder in den Film eingespeist, der gerade auf einer Münchner Bühne entsteht, die selbst Szenen und Sounds dazu liefert. In präzisem Rhythmus und laut gezähltem Minutentakt erklingt Schnaufen, Klopfen, Pfeifen, Zischen, Klirren, Blechblasen und eine Schnulze von Pat Boone. In einem öden Atelier mit Sofas geht Sagerer auf und ab, und dann öffnet er den Deckel eines Einweckglases, lässt uns hineinschaun und schaudern; er spricht den einzigen, keinesfalls rätsellosen Satz: Der einzig wahre Gott sind die vor 28 Jahren in Öl eingelegten schwarzen Riesenameisenköniginnen. Ja, wenn das wirklich so ist, dann gibt es keine Pläne für das Leben der Menschen. Denn diese Ölameisen schauen nicht gut aus.
Es wird ja kein wilder Akt auf der Guckkastenbühne vorgeführt, sagt Alexeij. Ich habe mich vielmehr gefragt, wie sich Pornografie in die Kunst einbringen lässt. Die Prostituierten setzen sich einer anderen Komposition aus. Und das ergibt eine andere Energie.
Ein paar Fragen hätte ich schon noch. Zum Sex, zur Göttin, zur Zensur. Aber egal. Man muss nur lange genug ins Einweckglas starren, um sie sein zu lassen. Es ist, wie es ist. Einer, der wie Alexeij Sagerer mit seinem Leben fürs Theater steht, der hat auch einen eigenen Begriff von Theaterblut. Einmal, im Münchner Kunstverein, da ließ er sich von einer Krankenschwester Blut abzapfen und warf die Ampullen ins Publikum. Alles zu Eurem Vergnügen.
RALPH HAMMERTHALER
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