Das OR-05, 28. Januar 2006
Muffatwerk, München / Asphaltkirche in Etsdorf, Oberpfalz
 

MÜNCHNER KULTUR Montag, 30. Januar 2006

 
Gut beleuchtet
Alexeij Sagerers "OR-05"

 
Tarzan ist der neue Prometheus: Er bringt das Licht. Feuer allein reicht nicht mehr, Tarzans Licht ist ungreifbar gewordene Materie. Also letztendlich Erkenntnis. Denn bist du einmal im Licht gewesen, die trübe Welt, in die du zurückkehrest, wäre nicht mehr die selbe. Zwar weiß man nicht genau, auf welcher Stufe von Platons Höhlengleichnis man sich bei Alexeij Sagerers jüngstem Raumschiffflug "Das OR-05" befindet. Aber man weiß, dass im Zeitalter ihrer technischen Transportierbarkeit jede Ausformung von Erkentnisphilosophie Abstriche bei ihrem universellen Bedeutungsanspruch machen muss. Manchmal verliert sie ihn ganz, und sei es in Niederbayern.
 
Ein Raumschiff ist eine Verbindung von traditionellen, in diesem Zusammenhang naiven Ausformungen von Theater mit den Möglichkeiten heutiger Technologie. Das fühlt sich sehr entspannt an, man sitzt im Ampere herum und kann sich Gedanken machen. Vom Ampere aus brechen Jane und Tarzan zur Asphaltkirche in Etsdorf in der Oberpfalz auf, auf einer Leinwand sieht man sie im Auto sitzen, falls nicht die Verbindung zusammenbricht (Niederbayern). Die Verbindung bricht oft zusammen, was manche Gäste zum Zeitungslesen, Dummschauen oder Denken nutzen. Nacheinander werden sie für zwei Minuten von einer reizenden Dame (Tinka Kleffner) aus der Technik-Lounge des Ampere ins Licht der Muffathalle gerufen. Dort ist es unfassbar großartig.
 
Der Raum ist vollkommen leer, den Boden bedeckt weißes Streusalz, 264 Scheinwerfer, die in dreieinhalb Stunden von Null auf volle Leistung hochgefahren werden, beleuchten ihn von oben. Aus der totalen Finsternis wird ein Brutkasten der Helligkeit, also der totalen Erkenntnis des eigenen Ichs. Das schwer identifizierbare Treiben in der Oberpfalz, wo die Lichtgestalt Tarzan und eine Lichtprozession die Eiskälte erwärmen wollen, verkommt daneben zu einem fast lärmenden, archaischen Ritus flackernder menschlicher Regungen. Das Licht der Halle aber nimmt man mit nach Hause.
 
EGBERT THOLL