Das OR-05, 28. Januar 2006
Muffatwerk, München / Asphaltkirche in Etsdorf, Oberpfalz
 

MÜNCHNER KULTUR Sa./So., 28./29. Januar 2006

 
Tarzan trifft Gott
Alexeij Sagerer hebt wieder im Muffatwerk ab

 
Es geschah am 11. Januar 2006. Da erschien Tarzan in der Etsdorfer Asphaltkapelle die Himmelsmutter. Jetzt macht er sich noch einmal dorthin auf. Nun ist Tarzan, diese uramerikanische Phantasie des unbefleckten Naturmenschen und Weltenretters, an sich nicht religiös. Doch erklärt Alexeij Sagerer: "Heute, da die Religion in die Politik eindringt, bleibt Tarzan davon nicht unberührt: Tarzan trifft Gott und wird nicht ironiefrei zur Lichtgestalt."
 
Mit "OR-05" setzt der Theateralchimist, der aus politisch-philosophischen Gedankenketten und wilden Assoziationssprüngen rätselreiche Performances kreiert, das Langzeitprojekt "Operation Raumschiff, birth of nature" fort. Das Raumschiff nähert sich dem Phantastischen. Das liegt für Sagerer nicht in einem transzendenten Jenseits, sondern in der Natur selbst: "Sie gehorcht weder einem Plan noch einem verzerrten Darwinismus, der predigt, dass nur der Stärkere überlebt. In Wahrheit entfalten sich in ihr alle Qualitäten. Das Phantastische ist das Leben, ist mitten unter uns." Eine Ahnung davon will "OR-05" vermitteln. Wo Dunkel war, wird Licht. Die Muffathalle leuchtet in reinstem Weiß. Der Boden ist mit Salzkristallen bedeckt. "Der größte Film aller Zeiten", der bisher alle Raumschiff-Episoden dokumentierte, reißt ab. Performance-Zentrum und "crossing-chapel" ist das Ampere. Von dort brechen Tarzan und Jane in die Oberpfalz auf. Die Fahrt wird live übertragen. Im Wald erwarten Tarzan der Künstler Wilhelm Koch und eine riesige Lichterprozession.
 
Eigentlich sollte das Projekt ja im Rahmen der "Glaubenskriege" der Kammerspiele stattfinden: Sie haben mich angesprochen, den Titel reserviert, wir hatten Arbeitstreffen." Dann traf eine Absage per E-Mail ein. Es kam zu einem Briefwechsel, in dem Frank Baumbauer meinte, es handle sich um einen normalen Vorgang: "Damit können Sie doch wohl selbstbewusst umgehen." Sagerer antwortete mit einem zornigen Schreiben. ("Genosse Baumbauer. Sehr geehrter Herr Intendant! Sie Gipfel einer Selbst-Vision von Theaterhierarchie.") Nun ist das Verhältnis gestört. Erbost ist Sagerer "über die Arroganz, mit der man mich nach Monaten gnädig abkanzelt, als sei ich ein Bittsteller, der sich beworben hat. Als sei es der Traum jedes Künstlers, Zutritt zu so einer Institution zu erlangen." Das kann man Sagerer wirklich nicht unterstellen, einem, der immer draußen bleiben wollte. Die Lust zu fliegen aber kann ihm keiner nehmen. (Das Raumschiff startet Samstag, 18.28 Uhr, in der Muffathalle.)

PETRA HALLMAYER